#IamScience - Da gibt es noch mehr von?
Über die SciLogs bin ich über eine Aktion gestolpert, bei der WissenschaftlerInnen unter obigem Hashtag twittern und ihre Geschichten erzählen sollten. Und je mehr ich las, umso mehr merkte ich, ich bin keine speziell gescheiterte Existenz. Caroona, manchmal die Königin der Nabelschau, ist nicht als Einzige irgendwie aus dem Wissenschaftzirkus raus gepurzelt. Wer folgende Geschichte schon zur Genüge kennt, kann jetzt aussteigen, ich dachte mir aber, ich stelle das noch einmal als einen weiteren Beitrag zu den Geschichten deutscher WissenschaftlerInnen zusammen.
Ich war ein ausgesprochenes Nerdkind, allerdings schulisch auf breiter Front interessiert, bis auf Sport und später Geschichte. Ich hätte gerne mehr als zwei Leistungskurse gewählt, die Entscheidung hing dann daran, welcher Lehrer was übernahm. Und ich war schon immer ziemlich umweltbewusst und wild entschlossen, "die Welt zu retten". Zu meiner Zeit (Abi 1992) war das mit den Ökostudiengängen noch nicht so wahnsinnig etabliert, Umwelttechnik wäre gegangen, aber ich habe dann auf Anraten des Berufsberaters Chemie studiert. (Entscheidung Nr. 1)
Im Chemiestudium fühlte ich mich wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser. Wissen aufsaugen, yay! Okay, in der anorganischen Analytik gab es schon mal Frust, aber insgesamt war das alles toll und hätte von mir aus ewige Jahre dauern können. Die Diplomarbeit an der Uni Nottingham, Abteilung Sutton Bonington, am Ende der Zivilisation, war auch noch sehr erhebend, Thema spannend und im Bereich Umweltchemie, alles tiptop.
Die Doktorarbeit am King's College in London war dann schon thematisch weiter von meinen Vorstellungen entfernt, aber es musste ein Kompromiss her, weil mein damaliger Freund auch in London promovierte. So machte ich eben Spektroskopie und Kristallographie an THF-Hydrat als Modell für Gashydrate und an Paraffinwachskristallen. (Entscheidung Nr. 2) Es gab auch viel zu lernen bei dem Thema und immerhin war ich damit dreieinhalb Jahre finanziell in trockenen Tüchern, im Gegensatz zur Situation in Deutschland.
Gegen Ende der Promotion entschieden wir uns für die Rückkehr nach Deutschland, um nicht mehr so weit weg von meiner Familie zu sein. (Entscheidung Nr. 3) Dieses Mal war ich dran mit der Ortswahl und aus den Reaktionen auf meine Bewerbungen entschied ich mich gegen ein Projekt in Berlin zum Abbau von Medikamenten in Böden und für eins an der Uni Potsdam, weil - Tusch! - letzteres eine ganze Stelle mitbrachte. (Entscheidung Nr. 4) Leider stellte sich später raus, dass das Umweltthema an einen anderen ging, und ich, weil ich so eine Nette bin, dann ein anderes Projekt übernahm, das ziemlich alles mit an Bord hatte, was die Freude an der Forschung versauern kann: Projektpartner, die rein zum Zweck der Geldeintreiberei dabei waren, aber monatelang nichts beitrugen und wenn dann war es lieblos zusammengeworfener Pfusch. Eine Zielsetzung, die sich nicht an den Kompetenzen der Antragsteller orientierte, sondern an damals gerade angesagten Schlagworten, hier speziell Biochips. Mein Chef war Physiker und hatte keinerlei Vorstellung, wie sich Blutbestandteile in einer Fluoreszenzanalyse bemerkbar machen könnten. Tipp: Grauenhaft. Mal abgesehen von den vielfältigen komplexierenden Wechselwirkungen mit den verwendeten Farbstoffen. Da möglichst viel Geld aus dem angepeilten Patent geschlagen werden sollte, mussten alle Komponenten selbst geschnitzt sein, auch wenn das bedeutete, dass sie den kommerziell verfügbaren nicht ansatzweise das Wasser reichen konnten. Als mein Mann auf eine Spontanbewerbung hin nach Brunsbüttel zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, war ich froh über die Gelegenheit, den Kram hinschmeißen zu können. Zusätzlich hatte ich keine Lust mehr auf diese ewigen befristeten Verträge, an deren Ende nach dem damals gültigen HRG nach sechs Jahren praktisch das Ende der Karriere lauerte, da es kaum Gelegenheit zu unbefristeten Verträgen gab. (Entscheidung Nr. 5)
Danach kam erstmal ein mehrmonatiger Absturz in die Depression, aus der mich die Möglichkeit rettete, als Quereinsteigerin an der Schule anzufangen. (Entscheidung Nr. 6) Später erfuhr ich, dass auch ein sogenannter Seiteneinstieg am Gymnasium möglich gewesen wäre, aber das Land Schleswig-Holstein zog es vor, mich und diverse andere NaturwissenschaftlerInnen kostengünstiger in die Hauptschulen zu bugsieren, auf dass Gymnasiallehrkräfte auf uns herunter gucken konnten und uns ganz genau erklären, warum sie für weniger Stunden Arbeit mehr Geld bekommen. Ich habe erst einmal ganz schön dran arbeiten müssen, mich auf ein komplett anderes wissenschaftliches Niveau einzulassen. Trotzdem machte mir die Arbeit lange Zeit auch Spaß, momentan bin ich aber wieder mal auf dem Sprung in eine neue Aufgabe. (Entscheidung Nr. 7)
Bei allen Schritten habe ich die Entscheidung bewusst selber getroffen, auch wenn mich dann und wann die Rahmenbedingungen schwer getrieben haben. Ich bereue einerseits nichts, aber manchmal denke ich schon darüber nach, was aus mir hätte werden können, hätte ich an der einen oder anderen Weggabelung doch die andere Alternative gewählt. In Potsdam habe ich mit meinem Bürokumpanen oft darüber sinniert, wie es in früheren Zeiten doch romantisch war, Forschung an einem oder sogar mehreren total unterschiedlichen frei selbstgewählten Themen in einem schmucken Laborchen und die Finanzierung durch einen reichen Mäzen gesichert, der sich halt aus lauter Langeweile und Geldüberfluss so etwas leistet. Wobei das allerdings eher den Herren der Schöpfung offen stand.
In der Realität bringt mich allerdings so ein Hätte-Wäre-Wenn-doch-nur und auch ein Vergleichen mit anderen nicht so recht weiter. Wenn es auch sehr tröstlich, erfrischend und am Ende inspirierend ist, zu lesen, wie es anderen ähnlich ergangen ist und was sie dann aus ihrem Leben gemacht haben.
Was ich in Zukunft vorhabe, wird mich wohl nicht näher zur chemischen Forschung zurück bringen, aber wie schon zu Anfang bemerkt, sind meine Interessen auch breit gefächert. Wenn mich mein Werdegang eins gelehrt hat, dann dass immer mal wieder etwas Unvorhergesehenes hinter der nächsten Kurve auf mich wartet und so manche Dinge, die zunächst nerven, sich hinterher als gar nicht so sinnlos herausstellen. Gelernt habe ich auf jeden Fall eine Menge und Lernen ist das, was mich glücklich macht und antreibt. Also grolle ich dem System nicht, dass es nicht geschafft hat, mir meine maßgeschneiderte Nische zur Verfügung zu stellen, sondern schnitze eben selbst daran.
Alles Liebe
Caroona
Ich war ein ausgesprochenes Nerdkind, allerdings schulisch auf breiter Front interessiert, bis auf Sport und später Geschichte. Ich hätte gerne mehr als zwei Leistungskurse gewählt, die Entscheidung hing dann daran, welcher Lehrer was übernahm. Und ich war schon immer ziemlich umweltbewusst und wild entschlossen, "die Welt zu retten". Zu meiner Zeit (Abi 1992) war das mit den Ökostudiengängen noch nicht so wahnsinnig etabliert, Umwelttechnik wäre gegangen, aber ich habe dann auf Anraten des Berufsberaters Chemie studiert. (Entscheidung Nr. 1)
Im Chemiestudium fühlte ich mich wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser. Wissen aufsaugen, yay! Okay, in der anorganischen Analytik gab es schon mal Frust, aber insgesamt war das alles toll und hätte von mir aus ewige Jahre dauern können. Die Diplomarbeit an der Uni Nottingham, Abteilung Sutton Bonington, am Ende der Zivilisation, war auch noch sehr erhebend, Thema spannend und im Bereich Umweltchemie, alles tiptop.
Die Doktorarbeit am King's College in London war dann schon thematisch weiter von meinen Vorstellungen entfernt, aber es musste ein Kompromiss her, weil mein damaliger Freund auch in London promovierte. So machte ich eben Spektroskopie und Kristallographie an THF-Hydrat als Modell für Gashydrate und an Paraffinwachskristallen. (Entscheidung Nr. 2) Es gab auch viel zu lernen bei dem Thema und immerhin war ich damit dreieinhalb Jahre finanziell in trockenen Tüchern, im Gegensatz zur Situation in Deutschland.
Gegen Ende der Promotion entschieden wir uns für die Rückkehr nach Deutschland, um nicht mehr so weit weg von meiner Familie zu sein. (Entscheidung Nr. 3) Dieses Mal war ich dran mit der Ortswahl und aus den Reaktionen auf meine Bewerbungen entschied ich mich gegen ein Projekt in Berlin zum Abbau von Medikamenten in Böden und für eins an der Uni Potsdam, weil - Tusch! - letzteres eine ganze Stelle mitbrachte. (Entscheidung Nr. 4) Leider stellte sich später raus, dass das Umweltthema an einen anderen ging, und ich, weil ich so eine Nette bin, dann ein anderes Projekt übernahm, das ziemlich alles mit an Bord hatte, was die Freude an der Forschung versauern kann: Projektpartner, die rein zum Zweck der Geldeintreiberei dabei waren, aber monatelang nichts beitrugen und wenn dann war es lieblos zusammengeworfener Pfusch. Eine Zielsetzung, die sich nicht an den Kompetenzen der Antragsteller orientierte, sondern an damals gerade angesagten Schlagworten, hier speziell Biochips. Mein Chef war Physiker und hatte keinerlei Vorstellung, wie sich Blutbestandteile in einer Fluoreszenzanalyse bemerkbar machen könnten. Tipp: Grauenhaft. Mal abgesehen von den vielfältigen komplexierenden Wechselwirkungen mit den verwendeten Farbstoffen. Da möglichst viel Geld aus dem angepeilten Patent geschlagen werden sollte, mussten alle Komponenten selbst geschnitzt sein, auch wenn das bedeutete, dass sie den kommerziell verfügbaren nicht ansatzweise das Wasser reichen konnten. Als mein Mann auf eine Spontanbewerbung hin nach Brunsbüttel zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, war ich froh über die Gelegenheit, den Kram hinschmeißen zu können. Zusätzlich hatte ich keine Lust mehr auf diese ewigen befristeten Verträge, an deren Ende nach dem damals gültigen HRG nach sechs Jahren praktisch das Ende der Karriere lauerte, da es kaum Gelegenheit zu unbefristeten Verträgen gab. (Entscheidung Nr. 5)
Danach kam erstmal ein mehrmonatiger Absturz in die Depression, aus der mich die Möglichkeit rettete, als Quereinsteigerin an der Schule anzufangen. (Entscheidung Nr. 6) Später erfuhr ich, dass auch ein sogenannter Seiteneinstieg am Gymnasium möglich gewesen wäre, aber das Land Schleswig-Holstein zog es vor, mich und diverse andere NaturwissenschaftlerInnen kostengünstiger in die Hauptschulen zu bugsieren, auf dass Gymnasiallehrkräfte auf uns herunter gucken konnten und uns ganz genau erklären, warum sie für weniger Stunden Arbeit mehr Geld bekommen. Ich habe erst einmal ganz schön dran arbeiten müssen, mich auf ein komplett anderes wissenschaftliches Niveau einzulassen. Trotzdem machte mir die Arbeit lange Zeit auch Spaß, momentan bin ich aber wieder mal auf dem Sprung in eine neue Aufgabe. (Entscheidung Nr. 7)
Bei allen Schritten habe ich die Entscheidung bewusst selber getroffen, auch wenn mich dann und wann die Rahmenbedingungen schwer getrieben haben. Ich bereue einerseits nichts, aber manchmal denke ich schon darüber nach, was aus mir hätte werden können, hätte ich an der einen oder anderen Weggabelung doch die andere Alternative gewählt. In Potsdam habe ich mit meinem Bürokumpanen oft darüber sinniert, wie es in früheren Zeiten doch romantisch war, Forschung an einem oder sogar mehreren total unterschiedlichen frei selbstgewählten Themen in einem schmucken Laborchen und die Finanzierung durch einen reichen Mäzen gesichert, der sich halt aus lauter Langeweile und Geldüberfluss so etwas leistet. Wobei das allerdings eher den Herren der Schöpfung offen stand.
In der Realität bringt mich allerdings so ein Hätte-Wäre-Wenn-doch-nur und auch ein Vergleichen mit anderen nicht so recht weiter. Wenn es auch sehr tröstlich, erfrischend und am Ende inspirierend ist, zu lesen, wie es anderen ähnlich ergangen ist und was sie dann aus ihrem Leben gemacht haben.
Was ich in Zukunft vorhabe, wird mich wohl nicht näher zur chemischen Forschung zurück bringen, aber wie schon zu Anfang bemerkt, sind meine Interessen auch breit gefächert. Wenn mich mein Werdegang eins gelehrt hat, dann dass immer mal wieder etwas Unvorhergesehenes hinter der nächsten Kurve auf mich wartet und so manche Dinge, die zunächst nerven, sich hinterher als gar nicht so sinnlos herausstellen. Gelernt habe ich auf jeden Fall eine Menge und Lernen ist das, was mich glücklich macht und antreibt. Also grolle ich dem System nicht, dass es nicht geschafft hat, mir meine maßgeschneiderte Nische zur Verfügung zu stellen, sondern schnitze eben selbst daran.
Alles Liebe
Caroona
caroona - 4. Feb, 15:06
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